DIE HOCHGESCHWINDIGKEIT
DER ZUKUNFT

Das akademische Internet 2
erlaubt einen Blick ins digitale Zeitalter

© Andrian Kreye

New York im Juni '06 - Es fällt in der Zentrale der Informatiksysteme für die New York University nicht ganz leicht, die Zukunft zu erkennen. IT-Chef Jeffrey Bary residiert in einem düsteren, schlauchförmigen Raum von vielleicht fünfzehn Quadratmetern, dessen Wände bis unter die Decke mit schweren Eisenregalen vollgestellt sind, auf denen sich Computerteile, Kabel und Bücher türmen. Inmitten dieser undurchschaubaren Materialsammlung leuchten zwei Monitore. Die sollen an diesem Nachmittag als Fenster in die Zukunft dienen und die hat derzeit eine Geschwindigkeit von 101 Gigabit pro Sekunde.

In diesem Tempo tauschten Wissenschaftler vor eineinhalb Jahren über das akademische Netzwerk namens Internet 2 Datenpakete zwischen Los Angeles und Pittsburgh aus. In verständlichen Größen ausgedrückt - mit einer solchen Leitung würde die Übertragung eines kompletten DVD-Filmes ungefähr eine Drittelsekunde dauern. Vergleicht man das Internet 2 mit einem landläufigen DSL-Anschluss, müsste man so plumpe Bilder heranziehen, wie den Unterschied zwischen einem Mofa und einer Mondrakete.

Will man verdeutlichen, wie schnell sich diese Zukunft in den letzten zwanzig Jahren schon entwickelt hat, könnte man das Mofa auch durch ein Maultier ersetzen. Der wäre dann das Pendant zu der alten Festplatte, die der vollbärtige und äußerst gesprächige Herr Bari aus einem der Regale zieht. Die hellbraunglänzende Scheibe mit dem massiven Eisenkern hat einen Durchmesser von ungefähr einem halben Meter, ist so dick wie ein doppeltes Wurstbrot und fasste damals laut Herrn Bari eine Datenmenge von rund zwei Megabyte, die ein Hochleistungsrechner innerhalb von ein paar Minuten abtasten konnte. Das entspricht nach heutigen Maßstäben der Speicherkapazität eines halben Popsongs - wenn man die Beatles heranzieht käme Molly damit bei guter Ipodqualität ungefähr bis zum vierten “Obladi".

Es ist zugegebenermaßen nicht ganz leicht, die Dimensionen und möglichen Auswirkungen des Internet 2 zu beschreiben. Wie so oft in der Geschichte des digitalen Zeitalters hat sich der technische Fortschritt der Hardware schneller vollzogen, wie die Entwicklung entsprechender Anwendungen. So kommt es, dass es noch keine Software gibt, mit der man die Möglichkeiten des Internet 2 einem Laien demonstrieren könnte. Webseiten öffnen sich quasi in Echtzeit, Webvideos laden in Bruchteilen einer Sekunde. Bary steuert ein paar dezidiert für das Internet 2 konstruierte Seiten an, aber bis auf zwei Vorlesungen, die von Universitäten an der Westküste übertragen werden, findet er nichts. Zugegeben alles noch nicht so beeindruckend. Doch momentan geht es auch noch nicht darum, Laien zu beeindrucken. Physiker und Astronomen nutzen das Internet 2, um für enorm komplexe Rechenvorgänge mehrere Hochleistungsrechner zusammenzuschalten.

Auch Herr Bari tut sich schwer, das akademische Hochgeschwindigkeitsnetz zu erklären. Er vergleicht das Internet mit einem Highway von New Jersey zur Stoßzeit, dann wäre das Internet 2 ein Highway, auf dem einem alle paar Meilen nur ein Auto begegnet. Ansonsten benutzt das Internet 2 die gleiche Technologie, die gleichen Router, Leitungen und Steckverbindungen wie das reguläre Netz, das Bari abfällig als “Commodity Internet" bezeichnet - als Gebrauchsnetz. Momentan haben in den USA lediglich zweihundert Universitäten und eine Handvoll Entwicklungslabors Zugriff auf das Netz. Ein separater “backbone", wie die zentrale Netzstruktur des Internets heißt, sorgt dafür, dass sich keine ungebetenen Gäste herumtreiben.

Aufgebaut wurde das Internet 2 in den 90er Jahren. Einer der leitenden Wissenschaftler war damals der Computervisionär Jaron Lanier, ein wuchtiger Herr mit Dreadlocks, der in den Frühzeiten der Cyberpunkkultur gemeinsam mit Timothy Leary die psychedelischen Qualitäten der Virtual Reality predigte und als Musiker mit Ornette Coleman und George Clinton gearbeitet hat. Selbst er verweigert sich einer präzisen Definition des Internet 2. “das ist ein bisschen wie die Europäische Union, von der auch niemand so recht weiß, wo sie anfängt und wo sie aufhört und was sie alles tut und kann", sagt er. “Wir haben das Internet 2 damals als Forschungsinstrument betrachtet, das für die Computerforschung wie ein Teilchenbeschleuniger funktioniert und so die Vorraussetzungen für Experimente schafft, bei denen man Ideen in einem großen Rahmen erproben kann." Vieles, was auf dem Internet 2 entwickelt würde, käme schon bald zur Anwendung im regulären Netz. “Ich erinnere mich, dass wir Mitte der 90er Jahre einen enormen Anstieg des Datenverkehrs bemerkten", sagt er. “Wir waren nicht ganz sicher, woher der kam. Aber später stellte sich heraus, dass dies die Anfänge von Napster waren." Auch die ersten Experimente mit algorithmischen Suchfunktionen fanden im Internet 2 statt. Daraus entstand dann die erste Version der Suchmaschine Google.

An der New York University arbeiten derzeit vor allem Physiker mit dem Internet 2, sagt Bari. Oft wüssten die Nutzer, egal ob Studenten oder Professoren, gar nicht, ob sie nun gerade am regulären Netz oder am Internet 2 hängen. Die volle Geschwindigkeit entfalte sich erst, wenn zwei Internet-2-Anwendungen miteinander verbunden werden. Die Juniorprofessorin am Department of Cultural and Communications Studies Barbara Rose-Haum gehört zu den wenigen Kommunikations- und Kulturwissenschaftlern, die das Internet 2 jetzt auf seine kulturellen Qualitäten hin untersuchen. “Wir versuchen herauszufinden, wie Menschen mit solchen Veränderungen umgehen", sagt sie. “Immerhin verändert das Internet bei einer solchen Geschwindigkeit so manchen Referenzpunkt und damit das kulturelle Verständnis." Performances, die zum Beispiel zeitgleich in New York und Tel Aviv stattfanden, waren ein erster Anfang. “Da verschwinden de facto die Wände des Aufführungsraumes." Vieles ist noch Grundlagenforschung. “Wir suchen nach neuen Parametern, nach Wegen, Theorie und Anwendung zu unterrichten." Das Neue sei ja oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen, denn solche Erlebnisse der geografisch unabhängigen Gleichzeitigkeit gehörten im Fernsehen schon zum Standard. Aber darum geht es nicht. “Jede neue Technologie entwickelt zunächst ihren eigenen Zauber", sagt Rose-Haum. “Den verliert sie erst wenn sie in den Alltag einzieht. Deswegen geht es jetzt erst einmal darum diese neuen Räume zu erforschen und zu erleben." Eines sei jedoch klar: “Wir denken hier nicht an Grenzen. Wir stoßen auf neue Bedeutungen. Die technologischen Rahmenbedingungen schaffen sich meist von selbst."

Wenn es nach den Vorstellungen amerikanischer Kabel- und Telefonkonzerne geht, wird es so ein Hochgeschwindigkeitsinternet auch schon bald für kommerzielle Anbieter geben. Dafür wollen sie zunächst ein Zweiklassensystem einführen, bei dem das traditionelle Internet weiterhin jedem Menschen mit einem Computeranschluss offen steht, wohingegen eine Hochgeschwindigkeitsebene des Internets nur gegen die Bezahlung entsprechender Gebühren zugänglich ist. Weil sich das nur kommerzielle Anbieter leisten könnten, läuft nun die Netzgemeinde Sturm. Organisationen wie Free Press oder die Onlinebasisorganistaion MoveOn.org, aber auch Internetanbieter wie Google und Amazon argumentieren, das Zweiklassensystem sei das Ende der so genannten Net Neutrality, nach der das Netz durch seine egalitäre Technologie die Webseite eines Einzelanbieters zunächst genauso überträgt, wie die Seite eines Internetgiganten. Auf der Gegenseite argumentieren Lobbyisten der Telefonkonzerne wie Bill Clintons ehemaliger Pressesprecher Mike McCurry, Net Neutrality sei nichts anderes als staatliche Regulierung und wolle die Kosten einer lange überfälligen Modernisierung des Internets auf die Nutzer abwälzen. Erste Gesetze, die der amerikanische Kongress im Mai und Juni verabschiedete, haben Net Neutrality zwar angesprochen, jedoch noch keine endgültigen Entscheidungen gebracht.

Auf lange Sicht werden die technischen Neuerungen und damit auch die zunehmende Kommerzialisierung mitsamt den einhergehenden Monopolisierungen des Internets nicht aufzuhalten sein. Für das akademische Internet gibt es zum Beispiel Pläne, die Standardgeschwindigkeit von den derzeitigen 10 bis nächstes Jahr auf die bisher nur im Rekordversuch erreichten 100 Gigabits zu erhöhen. Dem werden Innovationen erfolgen, die dann schon bald von der Privatwirtschaft genutzt werden können. Mit der Technik wird sich auf lange Sicht auch die Kulturlandschaft verändern. Viele Medienfirmen haben jetzt schon erkannt, dass sich Mediengattungen wie Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet als isolierte Geschäftszweige nicht mehr tragen, und haben begonnen, ihr jeweiliges Kernmedium zur Marke aufzubauen.

Beschwichtigende Stimmen sehen die Zukunft des Internets als Hochgeschwindigkeitsnetzwerk als einen ähnlichen Schritt, wie die Umstellung des Radios von Kurzwelle auf UKW. Die Qualität wurde besser, die Popmusik hat sich verändert, doch letztlich hielten sich die Auswirkungen in Grenzen. Doch es gibt auch Unkenrufe, wie beispielsweise die Autoren des Netzfilmes “Google epic", die eine Monopolisierung des Netzes durch Konzerne wie Google und Amazon prophezeihen, die ein Ende der traditionellen Kultur- und Medienformen, von Privatsphäre und geistigem Eigentum bedeuten würde.

Die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen. “Extreme Behauptungen und Spekulationen gehörten von Anfang an zur Computerkultur", sagt Jaron Lanier. “Natürlich haben Veränderungen in Kommunikationstechniken in der Geschichte der Menschheit auch immer zu Veränderungen in Politik und Kultur nach sich gezogen. Es ist nur sehr schwierig, so etwas voraus zu sagen."





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